Reisebericht: Bethlehem ruft! Eine Ehemalige berichtet!

سلام عليكمAlrowwad Trip Aug 2013 Reisebericht von Anna Luise Bensmann - Friede sei mit euch -

Mit diesem Bericht über meine Zeit in Bethlehem möchte ich SchülerInnen, die nach der Schule „irgendwas im Ausland machen wollen“ dazu motivieren, sich darum zu kümmern, ob mit oder ohne Organisation. Es ist nicht so schwer, wie es am Anfang aussieht! Meine Enttäuschung war groß, als das Berliner Schulamt unsere Reise nach Palästina im Herbst 2011 nicht genehmigte; war sie doch der Rückaustausch mit der palästinensischen Gruppe, die im Mai 2011 für zwei Wochen an der Wilma war.

Einige erinnern sich vielleicht noch an den hauptsächlich von Herrn Kremeyer, Herrn Bernegg und Herrn Vorbeck organisierten Besuch einiger Jugendlicher aus Bethlehem, meine Familie war jedenfalls eine der Gastfamilien und ich bin mehr als froh, dass ich die Palästinenser kennengelernt habe! Diese Begegnung, das Fach Darstellendes Spiel und die vergleichsweise weltoffene Bildung an der Wilma haben dazu beigetragen, dass ich, Anna Luise Bensmann „Lulu“, Wilmaabiturientin von 2012, seit drei Monaten in Bethlehem bei einem der Austauschschüler von 2011 wohne und in einem Jugendzentrum als Freiwillige tätig bin. Da ich nicht ein ganzes Jahr Zeit hatte und mir die Verbände, die Volontärarbeiten im sogenannten Heiligen Land anbieten, im Allgemeinen zu missionarisch orientiert sind, habe ich meinen Aufenthalt selbst organisiert.

Ein Wunschland hatte ich mit Palästina nach dem wunderbaren Austausch allemal gefunden und auch wie alle Wegreisenden die Idee, die Welt zu retten. Spätestens nach der Erarbeitung meiner 5.PK im Fach DS über Vorurteile yonathan lulu ahmad wadi Aug 2013der Palästinenser und Israelis beschloss ich, dass dieser Plan doch eine oder fünf Nummern zu groß war und ich begann mich auf die Suche nach geeigneten Anlaufstellen im Westjordanland zu machen. Nicht extrem und nicht religiös sollte es sein und das habe ich über Umwege durch Besuche mit dem DS-Kurs an der Schaubühne dann auch gefunden. Die kleine Schwester des Freedom Theatre Jenin: das Alrowwad Theater- und Kulturzentrum im Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem. Ein paar Mails und das Ausfüllen eines Bogens genügten, um beim Initiator der Beautiful and Non-Violent Resistance willkommen zu sein; für was genau wusste ich damals auch noch nicht. Ich glaubte so, meinen Beitrag zur kulturellen Intifada geben zu können und nebenbei in die arabische Kultur eintauchen zu können. Dank der palästinensischen Gastfreundlichkeit und Eigeninitiativen ist mir das bis jetzt auch recht gut gelungen und ich es gefällt mir so gut hier, dass ich unbedingt länger bleiben will und zum Glück letzte Woche durch eine kurze Aus- und wieder Einreise nach Jordanien ein neues Dreimonatsvisum bekommen habe. Dass das klappt, war aber nicht sicher, da die Besatzungsmacht Israel entscheidet, wer für wie lange im besetzen Westjordanland und Gazastreifen bleiben darf. Neben der Vertreibung von ca. 3 Millionen PalästinenserInnen in den Jahren 1948 und 1967 aus dem heutigen Israel, dem ungeklärten Status Jerusalems und israelischen Siedlungen im ganzen Westjordanland ist die Besatzung das größte Problem für die palästinensische Bevölkerung. Soldaten und Checkpoints befinden sich an vielen Ecken und es ist für PalästinenserInnen verboten, Jerusalem und somit heilige Stätten zu besuchen, sowie nach Israel zu reisen, aber das verhindert ja schon die acht Meter hohe Mauer. Die Willkürlichkeit der israelischen Soldaten ist besonders in den Flüchtlingslagern zu spüren und das macht die Arbeit von Alrowwad umso bedeutender: Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Aufgabe zu geben um sie vom Steine werfen abzuhalten. Die Wut über das genommene Land, den Status als ewig Verdächtige von Terroranschlägen und die Festgefahrenheit jeglicher politischer Verhandlungen hat sich in den Flüchtlingsstädten in Palästina und in arabischen Nachbarländern buchstäblich angestaut und die engen Gassen zwischen den chaotischen, halboffenen Betonklötzen sind kein angenehmer Ort zum Warten auf Godot geschweige denn zum Aufwachsen. Ob sich ein Warten auf die Rückkehr von Kindern der dritten Generation in die jetzt von Israelis besetzen Gebiete lohnt, lasse ich dahingestellt. Die größtenteils jungen Menschen im Aida Camp haben trotz ihrer fragwürdigen, manchmal selbst ausgesuchten und bequemen weil steuer-, strom- und wasserkostenbefreiten Lebensweise ein Recht auf Zugang zu Kultur. Deswegen macht das unabhängig arbeitende, von einem Campbewohner vor 15 Jahren gegründete Alrowwadzentrum kostenfreie Freizeit- und Selbstfindungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aus dem Camp und von außerhalb. Dazu gehören Theaterstunden, Tanzunterricht, Fototraining, Betreuung und Nachhilfe für Jüngere, Computernutzung, Musikunterricht, ein durch Kindergärten tourender PlayBus und Sport- und Nähstunden für Frauen. An den fünf Tagen, die ich je ca. acht Stunden im Zentrum verbringe, merke ich den Hauptvorteil der Selbstorganisierung meines Aufenthaltes, denn ich kann tun was ich möchte und kann: mal bin ich mit dem PlayBus im ganzen Westjordanland unterwegs, mal gebe ich Englischunterricht, spiele oder bastle mit den Kindern, übersetze Broschüren, empfange Besucher und zeige ihnen mein zweites Zuhause Aida, versuche ein Theaterprojekt mit Berlin zu organisieren oder tue das, was eben anfällt. Ich folge damit zwar nicht meiner Ursprungsidee, Theaterstücke anzuleiten und schon gar nicht meinem Weltrettungsplan, aber Bestätigungen, dass mein Aufenthalt nicht nur eigennützig ist, bekomme ich zum Beispiel durch strahlende Kinderaugen und Freundschaften, auch mit einigen der internationalen Besucher und Freiwilligen, die gerade in Bethlehem zuhauf zu finden sind. Nicht zu vergessen ist Wadi, der vor zwei Jahren an der Wilma war und mir in seinem Haus ein Apartment zur Miete angeboten hat, ich wohne praktisch mit seiner Familie, wir essen zusammen und unternehmen Dinge. Wadi ist zum guten Freund geworden und meine Erzählungen aus dem Camp und das Erklären der arabischen Sprache geben ihm einen anderen Blickwinkel auf seinen Alltag und sind auch für ihn ein positiver Nebeneffekt unserer schönen Freundschaft. Ich schätze die Familie sehr, wir sprechen eine lustige Mischung aus Englisch, Arabisch und Deutsch und ich habe die einzigartige Möglichkeit, am arabisch-christlichen Familienleben in Beit Jala und am arabisch-muslimischen Leben im zehn Minuten entfernten Camp teilzunehmen. Dankbar bin ich auch für viele neue, überraschende Bilder des Islams und die Tatsache, dass meine deutsche Identität mal wieder auf die Probe gestellt wird und ich deutsche Traditionen (ja, die gibts!) und Werte mehr schätzen kann. Den Nationalstolz, den die meisten Araber haben, werde ich dennoch nicht entwickeln, gerne würde ich aber die Bereitschaft zur selbstlosen Gastfreundschaft der PalästinenserInnen annehmen, den unerschütterlichen Familienzusammenhalt und die Eigenschaft, Dinge nicht einfach hinzunehmen, wenn man sich verletzt fühlt. Die Araber, die ich kennengelernt habe, sind recht stolze, tüchtige und humorvolle Personen, einige innerlich gebrochen durch Jahre im israelischen Gefängnis, Zwangsehen, unterdrückter (Homo-)Sexualität oder Verlust Verwandter. Beim Versuch, nicht nur bei der palästinensischen Fuck- Israel- Sicht auf die Dinge zu bleiben, fuhr ich vor zwei Wochen nach Rehovot zur Schwester eines Bekannten aus Berlin und beim Gespräch mit ihr und ihrem Mann habe ich festgestellt, dass für sie PalaestinenserInnen nicht nur ungebildeter und ohne Zugang zum Internet sind, sondern scheuklappenverdeckt eigentlich nicht einmal in ihrem alltäglichen Leben existieren. Es tat dann aber doch gut zu hören, dass sie die Siedlungen und die Besatzung nicht unterstützen und ich würde gerne mehr Begegnungen mit reflektierten Israelis machen, die etwas aus ihrem Pflichtdienst beim Militär mitgenommen haben. Ich bin sehr mit der Schwierigkeit konfrontiert, mich nicht zu sehr von Ansichten anderer beeinflussen zu lassen, vor allem im Camp fällt das schwer und mit der ewigen Frage der Schuld der jetzigen Deutschen am Holocaust und deren Auswirkungen im Hinterkopf. Ich versuche, unabhängig zu bleiben, nicht in allem fest auf einer Seite zu stehen und Palästina nicht als armes und besetztes Sensationsland zu sehen, das darauf wartet, von Außenstehenden gerettet zu werden, denn wir können höchstens Impulse geben und Hoffnung am Leben erhalten. Interesse und Offenheit sind zwei Eigenschaften, die man haben sollte, wenn man vorhat, nach der Schule eine Auszeit und einen Blickwechsel vorzunehmen, das klappt an einem anderem als dem gewohnten Ort recht gut. Sich zu trauen und sich Unterstützung zu suchen sind nächste Schritte, sowie Organisatorisches anzugehen und die Erwartung an eine Vollzeitfriedensbeschäftigung herunterzuschrauben. Tipps für einen längeren Auslandsaufenthalt: Wenn du ein Land hast, das du gerne von innen kennenlernen würdest, suche dir eine Organisation, die dich dort hinbringen kann, das staatliche Programm weltwärts oder AFS und der IJGD können eine Option sein, das Angebot ist jedoch vielfältig und bedarf einer angepassten Suche. Kümmere dich rechtzeitig um den Auslandaufenthalt, auch wenn es ohne Organisation ist und buche einen Flug, finde eine Auslandskrankenversicherung, besorge dir ein Visum für das Land, eine Anlaufstelle, eine Projekt oder ein Zentrum, wo du dein Talent einbringen kannst und überlege, ob du jemanden in dem Land kennst, bei dem du wohnen kannst, ansonsten gibt es oft die Möglichkeit, in dem Projekt mitzuwohnen. Das liebe Geld ist für viele die größte Sorge, muss es aber nicht, da es in Deutschland in bestimmten Fällen auch nach der Schule Kindergeld gibt, außerdem gibt es BaFöG und spendierfreudige Verwandte, die dich vielleicht unterstützen, weil du etwas für die Gemeinschaft unternimmst. Zu guter Letzt solltest du nicht vergessen, dass du allein schon einen Friedensdienst tust, indem du dich neuen Herausforderungen stellst und fernab von deiner Gewohnheit das Leben anderer kennenlernst und verstehst, warum Kulturen unterschiedlich sind und manchmal nicht gut miteinander auskommen. Den dazu passenden Frieden kannst du nicht im Gepäck mitnehmen oder dort hinbringen aber du kannst ihn im Herzen tragen und mit anderen teilen, im neuen Land und danach bei dir Zuhause. - Bei Fragen könnt ihr mich gern über facebook kontaktieren. Viele liebe Grüße aus der Hitze von einer Falafel verrückten Lulu, alles Liebe für alle Wilmaten und Wilmatinnen! Und ein sehr, sehr großes Dankeschön für die schönen Möglichkeiten und Erfahrungen, die ich durch die Wilma bekommen habe! Anna Luise Bensmann

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Wilma-Rudolph-Oberschule
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D-14169 Berlin

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