Abiturrede 2003 von Oberstufenleiter Dieter Jacob

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Abiturrede 2003

Gehalten am 27.Juni 2003

(Anm.: Da diese Rede frei gehalten wurde, gibt der folgende Wortlaut nur in etwa den tatsächlichen

Ablauf wieder. Nicht alle Gedanken sind ausformuliert – sie mögen aber als Denkanstoß dienen.)

Was macht eine Persönlichkeit aus ?

Einstieg

Einstieg

Anekdote:

Zwei (Kriegs-)schiffe waren einige Zeit auf See, bei schlechten Sichtverhältnissen

und nebligem Wetter. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit rief der Ausguck: Ein Licht,

steuerbord voraus.

„Ist es fest, oder bewegt es sich zum Heck?“ fragte der Kapitän.

Der Ausguck erwiderte: “Fest, Herr Kapitän!“. Dies bedeutete, dass sie auf einem

gefährlichen Kollisionskurs waren.

Der Kapitän rief den dem Signalgeber zu: „Signalisiere diesem Schiff: wir sind auf

Kollisionskurs, ich rate Ihnen, dem Kurs um 20 Grad zu ändern!“

Zurück kam das Signal „Es wäre besser für Sie, den Kurs um 20 Grad zu ändern.“

Der Kapitän sagte:“ Sende Ihnen, Ich bin ein Kapitän, ändern Sie sofort den Kurs.“

„Ich bin ein Seemann zweiter Klasse“, kam die Antwort. „Sie sollten Ihren Kurs um 20

Grad ändern.“

Jetzt wurde es dem Kapitän zu viel. Er schrie: „Sende Ihnen, ich bin ein Kriegsschiff,

ändern Sie Ihren Kurs!“.

Zurück kam das Signal, „Ich bin ein Leuchtturm.“

Der Kapitän änderte den Kurs.

Es gibt Zeiten im Leben, da muss man seinen Kurs ändern; vielleicht ist das

Erreichen des Abiturs solch ein Zeitpunkt.

1. Unabhängigkeit

Wie löst man sich von Abhängigkeiten und wird selbstständig ?

1.1 Agieren – nicht reagieren

Wir sehen uns oft durch die Augen anderer; „der kommt immer zu spät“ und schon

kommen wir zu spät. Andere Vorurteile sind „der futtert immer so viel“, „die kriegt das

nie auf die Reihe“, „das schafft er sowieso nicht“, „ er hat immer Glück“.

Dies alles sind Projektionen, und weniger tatsächliche Bestimmungen.

Man kann sich streiten, woher solche Bestimmungen kommen, genetisch, psychisch

oder durch die Erziehung. „Frauen brauchen immer lang im Badezimmer“ , wer kennt

nicht diese Vorurteile (oder Urteile?).

Wichtiger ist, dass wir uns nicht in solche Schablonen einfügen. Wenn man das

Kennzeichen hat, sowieso zu spät zu kommen, wird man sich kaum bemühen,

pünktlich zu sein. In der Lehrerausbildung wird oft von „self fullfilling prophecy

gesprochen. „Ein typischer 3-er Schüler“, „ein Störenfried“.

Viele Menschen sind wetterabhängig, haben schlechte Laune bei schlechtem Wetter.

Tragen Sie doch einfach Ihre Sonne mit sich. (Ihre Sonne in sozialen Bereich).

2

Setzen Sie sich nicht den Einflüssen von anderen aus, sondern bestimmen Sie Ihr

Schicksal selbst !

Erweitern Sie den Kreis Ihres Einflusses und kümmern Sie sich um Dinge; warten

Sie nicht, bis andere sich um Sie kümmern.

Dazu ist es natürlich notwendig, dass Sie eigene Wertvorstellungen haben und

nicht von schwankenden Gefühlen abhängig sind.

Achten Sie mal auf die Aussagen:

„Ich schaff das sowieso nicht <-> Ich probiere mal was anderes.

„Wenn ich nur….“ <-> „Ich werde einfach mal…“

Dabei ist „Agieren“ nicht zu verwechseln mit blindem Aktionismus. Es kommt darauf

an, die Ziel einzuhalten, die man sich gesetzt hat.

Ein Versprechen geben – und auch halten.

Und dann zeigen sich auch die Prinzipien und Werte, die sich eine Person gesetzt

hat.

Probieren Sie es einfach mal bewusst eine zeitlang aus !

1.2 Zielstrebig (zielgerichtet) handeln

Man sollte immer das Ziel vor Augen haben. Was ist mir wichtig ? was sollen die

Leute bei meiner Begräbnisrede (besser Abschied oder Pensionierung) über mich

erzählen ?

Erst mit der Zielvorstellung kann man an die Umsetzung denken. Sonst wird man

von außen bestimmt. Viele streben nach mehr Anerkennung, mehr Geld,

Beförderung usw. und vergessen, was sie eigentlich wirklich erreichen wollen.

Gerade in unserer schnellen Zeit verliert man leicht das Ziel aus den Augen. Nicht

von kurzfristigen Erfolgen blenden lassen.

Es gibt einen Unterschied zwischen Führung und Management : der Manager baut

eine Straße durch den Urwald – der Führer steigt auf den Baum und erkennt, dass

es der falsche Urwald ist !

Auf Werte besinnen: Firmenlogo und Leitspruch !

Wo sind unsere Schwerpunkte ?

Ø Familie/Freundin

Familie/Freundin

Ø Geld

Geld

Ø Arbeit/Beruf

Arbeit/Beruf

Ø Besitz

Besitz

Ø Vergnügen / Lustgewinn

Vergnügen / Lustgewinn

Ø Freundeskreis

FreundeskreisØ (Religion/Glaube)

und was machen Sie, wenn der Erfolg ausbleibt/ die Freundin wegrennt/ der BMW zu

Schrott gefahren wird ??

ð Prinzipien suchen, die unabhängig davon sind !

Prinzipien suchen, die unabhängig davon sind !

Langfristig denken !

(Schulprogramm !)

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Man sollte sich bewusst werden, was man wirklich will, sich ein Motto geben. Für

Staaten ist die Verfassung so ein unveränderliches Motto.

Personenbeispiel : Nelson Mandela !

2. Der Einzelne in der Gesellschaft

Erst wenn man zu seiner Person gefunden hat, kann man auch im öffentlichen

Leben oder in der Partnerschaft seinen Mann stehen.

Nützlich dazu ist ein „emotionales Bankkonto“. Die Einzahlungen hierauf sind

ü Eine andere Person wirklich verstehen

Eine andere Person wirklich verstehen

ü Kleine Dinge und Gesten beachten

Kleine Dinge und Gesten beachten

ü Verpflichtungen einhalten

Verpflichtungen einhalten

ü Erwartungen klarstellen

Erwartungen klarstellen

ü Persönliche Integrität zeigen

Persönliche Integrität zeigenü Sich richtig entschuldigen

Mit so einem Konto kann man dann mit anderen zusammenarbeiten !

Und wie läuft so eine Partnerschaft ab ?

2.1 Erst zuhören, dann gehört werden

Wir alle haben jahrelang gelernt, zu sprechen, zu schreiben, zu lesen, aber wie lange

um zuzuhören ?

Bezug zu vorgefassten Meinungen.

Loriot bietet köstliche Beispiel für das gegenseitige „Nichtverstehen“.

Zuhören, mit der Empathie zu verstehen.

Sich in das Bezugssystem des anderen versetzen.

Allerdings erfordert dies Kraft und macht verwundbar; Voraussetzung ist die eigene

sichere Persönlichkeit (Teil 1).

Antworten Sie doch einmal auf die Frage „Wie geht´s dir?“ mit „schlecht“ ! Sie lösen

unerwartete Reaktionen aus!

Man kann einen Ratschlag nur abgeben, wenn vorher die „Diagnose“ stimmt, d.h.,

wenn man sich wirklich auf die Sorgen und Nöte der anderen Person eingelassen

hat.

Beispiele: Dialoge nach der Schule :“Wie war es heute ? Hat es Spaß gemacht ?

usw.“ Meist erzählen die Kinder nur sehr einsilbig. => es ist sehr schwierig, Personen

nur auf Grund der Wörter zu verstehen !

Dazu gehört auch die Pflege von Freundschaften; nur wenn man sich regelmäßig

trifft, erhält man auch entsprechende Rückmeldungen.

2.2 Streben nach einer WIN-WIN Situation

Beispiel des Gefangenendilemmas (Hofstadter) :

Stellen Sie sich eine Geschäftsbeziehung vor, bei der sowohl der Käufer als auch der

Verkäufer jeweils seinen Beitrag in einem verschlossenen Beutel hinterlegt, ohne zu

wissen, ob der andere die Vereinbarung einhält.

Es stellt sich jeweils die Frage: „Bin ich ehrlich und leiste meinen Beitrag oder

hinterlege ich einen leeren Beutel ?“

Man kann die Folgen leicht durchspielen und es wird sich zeigen, dass man nur

gewinnen kann, wenn man auch dem anderen eine Chance gibt.

Nicht denken in Kategorien wie schwach – stark

schwach – stark

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Unterliegen – Siegen

Sondern: es gibt genug für alle !

Falsch: ich gewinne und du verlierst. (win-lose)

win-lose)

Denken Sie an den Nah-Ost-Konflikt: wenn jeder nur (kurzfristig) gewinnen will, gibt

es keine Lösung !

Fast noch schlimmer: (lose – win) ( ich bin ein Verlierer – Typ) Oder (lose – lose) : Ein Scheidungsurteil lautete, dass der Mann die Hälfte seines

Vermögens an die Ehefrau abgeben sollte; so verkaufte seinen Jaguar für 1• und

• und

gab 50 cent seiner Frau !

Endergebnis:

Nachdem dies eine Abiturrede ist, muss zumindest ein Fremdwort auftauchen:

Ich habe es mir noch aus meiner Schulzeit gemerkt:

Per-sonare kommt vom lateinischen durch-klingen. Wie eine Glocke ! Jeder von

Ihnen ist eine Glocke und ich wünsche Ihnen, dass Sie alle in verschiedenen

Tonlagen aber laut und deutlich Ihren Klang hören lassen !!

Literatur:

1. Douglas R. Hofstadter „Metamagikum – Fragen nach der Essenz von Geist

und Struktur“, Klett-Cotta, Stuttgart, 1988

2. Stephen R. Covey „The seven habits of highly effevtive people“, Simon &

Schuster, London, 1992

Dieter Jacob (Oberstufenleiter) im Juni 2003

Kontakt

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